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„Voice“

 

- Drehbuch von André Stapf -

 

Fertig gestellt: 27. Juli 2004

Alle Rechte bei André Stapf

Rosa-Luxemburg-Damm 29

15366 Neuenhagen, Germany

Fon : 0174/84 35 891

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. AUSSEN – STRASSE – NACHT

Bilder in Schwarz-Weiß getaucht:

Nasser Asphalt. Nebel belebt die Straße. Das Klappern von Schuhabsätzen, die immer schneller werden. Julie, eine attraktive Blondine, bremst ungelenkt auf dem rutschigen Pflaster und blickt sich ängstlich um. Dann rennt sie weiter, so schnell, wie es ihre Stöckelschuhe erlauben. Kurz nach ihr folgt Trevor, die Hände im Mantel versteckt und das Gesicht vom breitkrempigen Hut verdunkelt. Ein paar lange Schritte reichen, um Julie einzuholen. Hart umfasst er ihren dünnen Arm und reißt sie an seine Brust. Julie blickt Trevor mit großen Augen und offenen Mund an. Trevor beginnt zu sprechen, doch aus seinem Mund kommt kein Ton. Nach seiner stummen Ansprache nähern sich ihre Gesichter und sie küssen sich.

 

2. INNEN – TONSTUDIO – TAG

Tarek schiebt den Kopfhörer zu Recht, den er über seine schwarzen lockigen Haare und Ledermütze trägt. In seinem Hawaii-Hemd ist er der Farbfleck im grauen abgedunkelten Raum. Er sieht zum Monitor auf das küssende Paar.

 

                                   TAREK

                                   OK.

 

Die Tonmeisterin Maria blickt über ihre schwarz geränderte Brille auf das Mischpult und legt neben dem grinsenden Stoff-Garfield einen Schalter um. Sie spricht ins Mikrofon.

 

                                   MARIA

                                   Alles klar?

 

Tarek blickt durch die Glasscheibe und zuckt mit den Schultern.

 

TAREK

Ist doch immer dasselbe bei den Amerikanern. Der Kerl sagt einen halbwegs vernünftigen Satz und sofort wirft sich die Frau um seinen Hals.

MARIA

Och, ist doch aber romantisch.

 

TAREK

Ich werde euch Frauen nie verstehen. Nach fünf Minuten mit diesem Typ beginnt man doch zu gähnen. Ich dagegen …

 

MARIA

Du bist der Don Juan ohne Verfallsdatum, ja klar.

 

Er stimmt „Strangers in the night“ von Frank Sinatra an und kommt verdammt nahe an das Original.

 

MARIA

… ja, ja. Ihr Männer denkt leider immer, wir schmachten nur wegen eurer tiefen Stimmen und den tollen Sprüchen dahin. Dabei ist allein der magische Moment entscheidend. Du weißt schon, wo beide wissen, es ist soweit für den ersten Kuss. Die meisten haben einfach kein Gefühl dafür, wann es soweit ist. Sie reden und reden und es passiert … nichts.

 

TAREK

Nun ist mir alles klar Maria. Ich werde sofort die Glasscheibe zwischen uns einschlagen.

 

MARIA

Neeee. Die wurde ja extra wegen dir eingesetzt. Also los jetzt.

 

Tarek stöhnt, blickt auf das Dialogbuch und starrt wieder auf den Monitor. Die laufenden Bilder erleuchten sein Gesicht. Sein Einsatz:

 

 

                                   TAREK

                                   (mit sonorer Stimme)

So spät sollte keine so hübsche Frau mehr allein auf der Straße sein. Maria, ich begleite dich. Jetzt und den Rest …

 

MARIA

(über die Boxen)

… netter Einfall. Aber das Mädchen heißt Julie und nicht Maria. Der Rest war gut. Betonung so lassen. Nur schneller und lippensynchron.  

 

Tarek nickt. Auf dem Monitor reißt Trevor Julie wieder an sich.

 

TREVOR

(spricht perfekt mit der Stimme von Tarek)

So spät sollte keine so hübsche Frau mehr allein auf der Straße sein. Julie, ich begleite dich. Jetzt und den Rest meines Lebens. Ich weiß, du bist das gut erzogene Mädchen und ich der Mann, der sich in üblen Spelunken herumtreibt und Verbrecher jagt. Deswegen frage ich auch nur das eine Mal: Julie, willst du meine Frau werden? 

 

Tarek zündet sich eine Zigarette an und erwartet die Reaktion aus den Boxen. Maria zeigt durch die Glasscheibe mit dem Daumen nach oben.

Tarek lächelt stolz.

 

                                   MARIA

                                   (über die Boxen)

                                   Super. Nächste Szene!

 

Tareks Lächeln erstirbt.

 

3. INNEN – TONSTUDIO – NACHT

Die rote On-Air Lampe erlischt. Gleichzeitig öffnen Maria und Tarek ihre Türen und stehen sich gegenüber. Tarek ist einen ganzen Kopf kleiner. Er nimmt einen Schluck aus seinem leeren Wasserglas.

 

                                   TAREK

Denkst du nicht auch, wir sollten diesen  jungfräulichen Abend nutzen und auf unser perfektes Team anstoßen?

 

                                   MARIA

Oder willst du lieber gleich für einen Kaffee mit rauf kommen? Nein, danke. Heute nicht, morgen nicht und garantiert nicht am Wochenende.

 

TAREK

Hallo. Ich bin es nur, dein Tarek. Der Typ, der einfach nur ein bisschen zuviel redet, wenn eine schöne Frau in der Nähe ist. Ist nun mal so. Ist wohl das Romantik-Gen.

 

MARIA

Mein Gott. Wie lange probierst du es schon?

 

TAREK

Seit ich meine Selbstachtung verloren habe, zähle ich nicht mehr mit.

 

MARIA

Fast könntest du einem Leid tun.

 

TAREK

Reine Taktik. Um selbstbewusste Frauen rumzukriegen, müssen sie glauben, sie hätten die Kontrolle.

MARIA

Na ein Glück, dass du mich vorgewarnt hast.

 

TAREK         

Neun Uhr im Veneziano. Gut?

 

MARIA

Nee, lass mal sein. Morgen um acht stehen Spots für Babywindeln an.

 

TAREK

Babys! Lass uns mal nicht zu weit vorgreifen. Also Vorschlag: Anstatt Mikrowellen-Lasagne und Gameshow lade ich dich heute Abend zum besten Italiener der Stadt ein und überhäufe dich mit Komplimenten. Und wenn du müde bist, gehst du. Ganz einfach.

 

MARIA

Fragt sich nur, wo der Haken ist?

 

TAREK

Außer, dass ich gerne Knoblauch esse? Nein, mir fällt keiner ein.

 

Tarek zeigt mit dem Daumen abwechselnd nach oben und unten und blickt Maria dabei mit Hundeblick an. Top oder Hop?

 

                                   MARIA

                                   Weißt du, was meine Schwäche ist?

 

                                   TAREK

                                   Neugierde?

 

Maria dreht sich lächelnd um und geht mit erhobener Nase und ansehnlichem Hüftschwung den Flur entlang. Dabei hebt sie die Hand mit dem Daumen nach oben.

 

                                   TAREK

(zu sich)

                                   Und es wirkt doch. Gigolo. Gigolo.

 

4. INNEN – TAREKS WOHNZIMMER – NACHT

Feinstes Deo stäubt auf Tareks Haut. Er knöpft sich sein weißes Hemd zu. Den letzten Knopf lässt er offen. Dann stolpert er durch das Wohnzimmer, auf deren Fußboden sich Klamottenberge, Zeitungen und leere Pizzaschachteln stapeln. Dazwischen findet er seine Schuhe.

Im Fernsehen läuft ein Esswettbewerb. Eine Person sitzt auf dem Stuhl, die andere kniet dahinter und muss das Essen dem Sitzenden blind zum Mund führen. Das meiste geht daneben.

Tarek setzt sich aus Versehen auf die Fernbedienung und bindet seine Schuhe zu. Die Stimme des Moderators wird immer lauter bis zur Unerträglichkeit.

 

                                   MODERATOR

Oh, was für ein Schlammschlacht. Da müssen einige noch ganz schön an ihren motorischen Fähigkeiten arbeiten. Ha. Ha. Nichts für ungut, aber ihr seht ganz schön dämlich aus.

 

Endlich findet Tarek die Fernbedienung und stellt den Ton ab. Mit dem Blick zur Uhr (20 vor 9!!!) rennt er zum Telefon. Er wählt eine Nummer und nach zweimal Klingeln hebt die Spätschicht ab.

 

                                   CALL-AGENT

20 21 22 Taxiservice. Sie wünschen?

 

Tarek will ein Taxi rufen. Aber es bewegt sich nur sein Mund. Keine Stimme ist zu hören.

                                   CALL-AGENT

                                   Hallo? Sind sie noch da? Kuckuck.

 

Tarek versucht es nochmals, beginnt zu husten, aber nichts passiert.

 

                                   CALL-AGENT

Vollnerv. Ich tausche nie wieder die Schicht.

 

Es knackt in der Leitung. Tarek schaut auf den Hörer in seiner Hand. Er lässt ihn fallen und rennt ins Bad.

                                  

5. INNEN – BAD – NACHT

Mit Schweiß auf der Stirn steht er vor dem Spiegel, öffnet den Mund und sucht nach irgendetwas Auffälligem im Rachenraum. Dann sagt er wieder etwas. Er hört nichts und säubert sich die Ohren mit den Fingern. Er trampelt mit den Füßen, deren Aufschlag auf die Kacheln deutlich zu hören ist. Verwundert hält er inne und nähert sich wieder dem Spiegel. Nacheinander schnalzt er mit der Zunge, ploppt mit dem Zeigefinger gegen die Backen und rülpst. Nichts. Kein Geräusch, das seinen Mund verlässt. Verzweifelt knallt er mit der Stirn gegen das Glas.

 

6. INNEN – TAREKS WOHNZIMMER – NACHT

Den Kopf gesenkt, wirft er die Badtür hinter sich zu. Sein Blick fällt auf den Fernseher und er sieht, wie der Moderator einen von den Kandidaten mit voll geschmiertem Mund interviewt. Tarek greift zur Fernbedienung und schaltet mehrmals den Ton an und aus.

 

                                               MODERATOR

                                               Na schon satt?

 

                                               KANDIDAT

                                               Meine Hände fehlen mir.

 

 

                                               MODERATOR

Tja, so ist das, wenn man sich auf andere verlassen muss. Hast du gedacht, dass deine eigene Frau, dich so im Stich lässt?

 

KANDIDAT

Eigentlich … nein.

 

MODERATOR

Ja. Bleib tapfer.

 

Im nächsten Augenblick fällt die Bedienung auf die Couch und die Wohnungstür knallt zu.

 

7. AUSSEN – VOR TONSTUDIO – NACHT

Tarek fährt mit seinem klapprigen Fahrrad die Straße entlang und biegt auf den Hof zum Tonstudio ein. Er bremst vor dem Eingang und seine Lampe beleuchtet das Firmenschild: „Sound Entertainment“. Beim Blick nach oben erkennt er, dass im Studio noch Licht brennt. Er steigt ab und wirft das Fahrrad gegen die Wand. Es rutscht weg und scheppert zu Boden.

 

8. INNEN – TONSTUDIO ARBEITSRAUM – NACHT

Zwei Tontechniker, Ronald und Bodo, sind immer noch am Abmischen der Bänder vom Tag.

 

                                               RONALD

Mach mal vielleicht den Background etwas weniger.

 

BODO

Ich weiß nicht. Es stört mich irgendwas anderes.

 

Tarek schleicht an der offenen Tür des Arbeitsraumes vorbei.

 

9. INNEN – MARIAS STUDIORAUM – NACHT

Tarek setzt sich vor Marias Mischpult mit dem Stoff-Garfield und loggt sich in den Computer ein. Unter den Dateien findet er die Straßenszene. Er öffnet sie und auf dem Monitor erscheint der Asphalt. Als der Mann ins Bild kommt, zieht er diesmal seinen Hut nach oben und blickt in die Kamera.

 

                                   TREVOR

Hey, bist du nicht der Typ mit der Stimme? Finde sie echt nicht übel. Gut, ist nicht Robert de Niro aber hey, it works.

 

Entgeistert blickt Tarek auf den Typen, der mit seiner Stimme redet.

 

TREVOR

Du musst das schon verstehen. War ganz schön anstrengend die Frauen als Stummer zu verführen. Wir sind halt keine Fische, oder? Nun hat es dich erwischt. Aber gewiss besitzt du noch andere Qualitäten, um dich durchzusetzen. You know what I mean.

 

Tarek brüllt zum Monitor, zumindest sein Mund. Trevor hält seine Hand hinter das Ohr.

                                  

TREVOR

                                   Was sagst du?

 

Ein Sessel fällt knallend zu Boden. Und eine Pflanze vom Fensterbrett landet auf dem Parkett. Tarek steht wütend daneben.

 

                                   TREVOR

Klar, du bist sauer. War ich anfangs auch. (räuspert sich) Aber nun entschuldige mich, ich muss hier noch was erledigen.           

 

Julie kommt ins Bild und legt sich in Trevors Arme. Der zwinkert mit dem Auge, zieht den Hut ins Gesicht und die beiden verschwinden im Nebel. Tarek nimmt den Monitor zwischen beide Hände und schüttelt ihn.

 

10. INNEN – TONSTUDIO FLUR – NACHT

Einer von den Tontechnikern, Ronald, lugt jetzt über den Flur. Vom hinteren Raum hört er, wie ein Monitor auf dem Boden zerschellt.

 

                                   BODO

                                   (raunt von innen)

Da will uns bloß wieder einer mit seinen Special Effect Sounds reinlegen.

 

RONALD

Hört sich aber echt an.

 

BODO

Ist ja Sinn der Sache.

 

RONALD

Ich kieck mal nach.

 

Ronald nähert sich Marias Studio. Vor der Tür stoppt er kurz und schnellt dann mit einer Bewegung nach vorne.

In Marias Studio ist niemand. Auf dem Boden liegt ein Chaos von umgestürzten Möbeln, Blumenerde und zersplitterten Glas.

 

11. AUSSEN – RESTAURANT VENEZIANO – NACHT

Maria wartet mit einem Glas Wasser an ihrem Tisch. Tarek blickt sie durch die großen Fenster an. Seine Stirn grübelt. Als Maria aufsteht, geht er hinein.

 

……