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„Der Insulaner“

 

von

André Stapf

 

 

 

Fertig gestellt: 26.10.2005

Alle Rechte bei André Stapf

Gottschalkstr. 7

13359 Berlin

Fon: 030/530 16 905

Mobil: 0174/84 35 891

 

 

 

 

 

 


1.              Montage              Tag

Mit kerzengeradem Rücken sitzt Nadine (16) auf dem Hocker und klappt den Deckel des Klaviers auf. Vini (72) knöpft sich ihre Strickjacke zu und lässt sich in den Korbsessel fallen. Die Finger von Nadine berühren die Klaviertasten. Dann atmet sie tief ein und spielt Schumanns „Kinderszenen OP.15 – Fast zu ernst“. Das Stück läuft die Szene weiter.

Mit dem ersten Ton erwacht Marko (17) aus dem Schlaf. Er braucht mehrere Sekunden, um sich zu orientieren. Der Boden bewegt sich unter ihm, draußen kräuseln sich die Meereswellen. Vor ihm lachen zwei Seemänner mit fauligen Zähnen und ein Tourist fotografiert seine Frau, die neben Marko sitzt. Sofort geht Marko aus der Schusslinie und rennt zum Vorderdeck.

Ein rauer Wind empfängt ihn. Aus seinem kleinen Rucksack zieht er eine Regenjacke, die er sich überstülpt. In der Ferne erkennt er die lang gestreckte Küste von Hiddensee.

Vini lauscht dem Spiel von Nadine, während ihre Augen immer kleiner werden. Hinter ihr stehen mehrere Fotos auf dem Regal, die sie mit ihrer Familie zeigen. Auf den Fotos hat Vini noch langes schwarzes Haar. Meist steht sie zusammen mit ihrem ca. siebenjährigen Enkel, der auf keinem der Fotos lächelt.

Genau wie Marko, der beobachtet, wie die Fähre an der Anlegestelle vom Dorf Kloster andockt. Der Fährmann beobachtet Marko, der als Einziger von Bord geht, während die Touristen schon hinaufströmen.

Fährmann

Hey Kleiner. Bist du sicher, dass du heute noch von Bord willst?

Marko nickt.

Fährmann

Reisende soll man nicht aufhalten. Aber pass auf, hier wird es schnell dunkel.

Er deutet auf die untergehende Sonne. Dann zieht er die Brücke wieder ein und die Fähre bewegt sich aufs Meer hinaus.

Marko geht durch das ausgestorbene Dorf. Die Fensterläden der Häuser und Imbisse sind geschlossen. Nur ein kleiner Junge schaut stumm aus einem offenen Fenster auf die Hauswand der gegenüberliegenden Straßenseite.

Nadines Finger gleiten über die Klaviertasten. Ihre Lippen sind aufeinander gepresst vor Konzentration.

Das Gras der Ebene färbt sich in der Abendsonne. Marko geht den schmalen Pflasterweg entlang, der sich bis zum Horizont schlängelt. In der Ferne taucht eine Gruppe von Häusern auf. Die Villa sticht zwischen typischen flachen Reetdachhäusern hervor. Sie ist umrangt von Bäumen und Schlingpflanzen.

Der Kopf von Vini neigt sich im Schlaf langsam nach vorne. Aus dem offenen Fenster ist zu erkennen, wie sich Marko dem Gartenzaun nähert. Einen Moment bleibt er stehen, dann öffnet er die schwere Eisenpforte.

Vor ihm eröffnet sich der geheimnisvolle Garten, der durch wuchernde Gräser und Sträucher undurchdringlich wirkt. Etwas weiß Schimmerndes lässt ihm vom Steinweg abweichen. Er kämpft sich durch ein Gestrüpp von Rosensträuchern und Efeu, als er eine zwei Meter hohe griechische Männerstatue vor sich erblickt. Daneben stehen weitere Statuen, teilweise im Boden versunken oder von Pflanzen überwuchert. Die größte Entdeckung ist ein großer Teich, dessen Wasser vom Schlamm schwarz gefärbt ist.         

Nadine spielt die letzten Töne von Schumanns „Kinderszenen“. Dann ist es still, bis auf Vinis Atmen im Schlaf.

Nadine

Na toll!

Vini(wacht auf)

Was ist?

Nadine

Ich habe dir mein Stück für die Aufnahmeprüfung vorgespielt. Wenn du schläfst, wirst du mir schlecht sagen können, was ich besser machen soll.

Vini

Ach Kindchen. Wie immer, hast du keinen einzigen Fehler gemacht. Aber …

Nadine

… trotzdem bist du eingeschlafen.

Vini

Es hat mich nicht berührt.

Nadine

Warum nicht? Wir haben die Nuancen des Stücks solange geübt.

Vini

Gefühl kann man nicht üben. Das kann ich dir nicht beibringen.

Nadine

Es sind noch zwei Monate Zeit bis zur Aufnahmeprüfung.

Vini

Zeit spielt keine Rolle. Es muss von dir kommen.

Nadine

Aber …

Unten pocht es an der Tür.

 

 

2. AUSSEN            VOR VILLA            DÄMMERUNG

Vini öffnet die hohe Tür und sofort erstrahlt ihr Lächeln. Sie will Marko in die Arme nehmen, aber er reicht ihr vorher die Hand, die sie nicht mehr loslässt.

Vini

Endlich kommst du deine alte Oma besuchen.

Auch Marko lächelt, bis Nadine hinter dem Türrahmen hervorlugt. Sie blickt Marko skeptisch an.

Vini

Nun erzähle mal. Wie geht es deinen Eltern? Ihr lasst ja kaum noch von euch hören, geschweige denn, dass ihr mal den Weg hierher findet.

Marko

Ach …

Vini

Ja, ja, ich weiß die viele Arbeit. Und du bist so groß geworden. Früher dachte ich, du wirst wohl nie wachsen. Aber schau dich jetzt an. Ein junger Mann. Du hast bestimmt soviel zu erzählen. Lass uns reingehen. Magst du immer noch heißen Tee mit Honig?

Sie dreht sich zur Tür und erblickt Nadine.

Vini

Entschuldigt, wie unhöflich von mir. Nadine, das ist mein Enkel Marko. Und das ist Nadine, meine Klavierschülerin. Sie hat mir die Liebe zur Musik wiedergeschenkt. So, jetzt mache ich uns aber Tee. Setzt euch doch solange auf die Bank. Ich hole euch schnell ein paar Kissen.

Nadine

Danke, aber ich werde mich lieber auf den Heimweg machen. Ich bin heute spät dran.

Vini

Deine Eltern werden auch mal ein Abendbrot ohne dich aushalten.

Nadine

Bis zum nächsten Mal. Ich werde üben.

Sie geht an Marko vorbei und er schaut ihr hinterher.

Vini

Sie hat ihren eigenen Kopf. Da kann man nichts machen. Komm rein. Wie lange bleibst du?

Marko

… die Ferien.

 

 

3. VILLA          VOR SCHLAFZIMMER MARKO          NACHT

Vini schlürft den langen Flur über die knarrenden Dielen entlang. Sie geht mit Taschenlampe vor, während Marko folgt. Im Schlafzimmer knipst sie die Deckenlampe an, deren dämmeriges Licht die Peter Pan Tapete, Poster von Rockbands, Modellflugzeuge und unzählige Kuscheltiere anstrahlt. Markos Augen wandern von einem Gegenstand zum nächsten.

Vini

Ich habe alles so gelassen, wie es war. Ein Glas Apfelsaft habe ich auch hingestellt.

Marko

Danke.

Vini

Schlaf gut und morgen zeige ich dir den Garten. Zwar regen sich die Nachbarn immer auf, aber er ist heute ein noch schönerer Spielplatz als früher. Also, schlafe gut.

Sie gibt Marko einen Kuss auf die Stirn, dann geht sie mit ihrer Taschenlampe weiter. Marko schaut sich noch einen Moment im Zimmer um, bevor er hineingeht und die Tür schließt. 

 

 

4. AUSSEN              GARTEN              Tag

Eine Gruppe von Gartenzwergen bewacht den verwilderten Steingarten. Marko schaut zu den Winzlingen hinunter.

Vini

Ich schaffe es einfach nicht mehr alleine. Kurz nachdem dein Opa starb, stand ich jeden Tag hier und versuchte alles in Ordnung zu halten. Aber die Pflanzen im Garten wuchsen mir über den Kopf. Irgendwann gab ich es auf. Inzwischen finde ich es ganz schön so.

Sie gehen durch das Dickicht, bis sie vor dem verschlammten Teich stehen.

Marko

Was ist mit dem Teich passiert?

Vini

Ach ja, unser kleiner Schlossteich. Weißt du noch, wie wir die Enten und Schwäne gefüttert haben? Aber fast von einem Tag auf den anderen wurde das Wasser pechschwarz.

Marko

Ich kann versuchen, ihn wieder sauber zu bekommen?

Vini

Probiers meinetwegen. Hol dir alles aus dem Schuppen, was du brauchst. Ich halte dann Ausschau nach den Schwänen.

Im Hintergrund wird die schwere Eisentür geöffnet.

Vini

Oh, das ist Nadine. Ist es schon wieder so spät? Du kannst gerne mitkommen und ihr beim Spielen zuschauen.

Marko

Ich fange hier lieber an.

 

 

5. AUSSEN              GARTENTEICH              TAG

Neben Marko liegen Spaten, Harke und Eimer. Barfuss und mit hochgezogenen Hosenbeinen steigt er in das schwarz schimmernde Wasser, wo sofort Blasen aufsteigen. Er bleibt stehen, als Vini das Fenster öffnet und das Klavierspiel von Nadine zu ihm dringt. Er schließt seine Augen und reißt sie im nächsten Augenblick vor Schrecken auf.

Auf dem Dach erkennt er die Silhouette eines Mannes. Die Sonne blendet so sehr, dass er kein Gesicht oder Kleidung erkennen kann. Marko stolpert rückwärts und fällt in das Wasser. Er rettet sich völlig außer Atem ans Land. Er reißt seinen Kopf herum, aber der Schatten ist verschwunden. Sämtliche Energie verlässt Markos Körper und er lässt sich ins Gras fallen.

 

 

6. AUSSEN              VOR VILLA              TAG

Nadine kommt aus der Villa und winkt Vini zum Abschied.

Nadine

Ich werde noch mehr üben.

Vini nickt und schließt die Tür. Sofort biegt Nadine vom Weg ab und schleicht durch die Sträucher. Bald erblickt sie Marko, der mit seinen nassen Sachen auf der Wiese liegt und sich sonnt. Plötzlich schlägt er wild nach einer Mücke aus und Nadine muss kichern. Marko springt auf.

Marko

Hey, spannern verboten.

Nadine

Du hast mein Spiel ja auch belauscht.

Marko

Hatte ich eine andere Wahl?

Nadine

Und wie fandest du es?

Marko

Keine Ahnung. Ist halt Klaviermucke.

Nadine

Ich spiele bei Vini seit fünf Jahren und du warst sie kein einziges Mal besuchen. Auf den Fotos mit Vini musst du sieben sein, oder so.

Marko

Und?

Nadine

Ich frage mich, warum du gerade jetzt hier auftauchst.

Marko

Ich glaube, das geht dich mal gar nichts an.

Nadine

Entweder wolltest du von zu Hause abhauen oder du brachst Kohle. Stimmt oder stimmt?

Marko

Spielst du jetzt Hobbydetektivin?

Nadine

Also sag schon.

Marko

Erst wenn du mir sagst, warum du dir hier jeden Tag die Finger wund spielst?

Nadine

Das geht dich gar nichts an.

Marko

Na siehst du. Also macht jeder sein Ding und gut ist.

Nadine

Hui, du gehörst wahrscheinlich auch zu denen, die täglich Mitschüler vermöbeln, um glücklich zu sein.

Marko

Vermöbeln? Was quatschst du denn da?

Nadine

Welche Klasse bist du? Machst du auch nächstes Jahr Abi?

Marko

Lass mich in Ruhe.

Nadine

Oder hast du eine Lehre angefangen? Oder die Schule geschmissen?

Marko

Nerv mich nicht mit deinen Fragen.

Nadine

Bist wohl nicht sehr gesprächig?

Marko

Und du hast wohl keine Freunde?

Nadine

Blödmann!

Marko

OK.

Nadine dreht sich um, drückt das Dickicht beiseite und geht.

Marko

Kommst du morgen wieder?

Sein triumphierendes Lächeln wird wieder ernst. Vini, die am Fenster gestanden hat, dreht sich weg.

 

 

7. INNEN              TREPPENHAUS              TAG

Marko schaut die geschwungene Treppe hinauf, die hoch zu den zwei Etagen führt. Er geht hinauf zu ersten Etage. Die Dielen knarren unter seinen Füßen. Dann steht er vor einem langen Flur mit mehreren Türen. Plötzlich steht Vini hinter ihm.

Vini

Was für eine Verschwendung. So ein großes Haus für so eine alte Wachtel wie mich. Ich hatte immer gehofft, dass dein Vater hier eines Tages wohnen würde. Aber es sollte wohl nicht sein.

Marko schaut nur schweigend den Flur entlang.

 Vini

Suchst du das Zimmer? Komm ich führe dich hin.

 

 

8. INNEN              MARKOS ZIMMER              TAG

Das warme Licht der Sonne scheint durch die undichten Stellen der Ziegel. Auf dem Boden stehen mehrere Eimer, die Regen auffangen, ansonsten ist der Raum leer. Nur eine dick gepolsterte Ledercouch thront mitten im Raum.

Vini

Hier ist dein Domizil. Auf der Couch hast du immer gelegen und gelesen. Da konnte die Sonne draußen scheinen, wie sie wollte. Was liest du zurzeit?

Marko

Nichts Besonderes.

Vini

Ich lese gerade ein Buch über Katzen. Da steht so vieles drin, aber ich verstehe immer noch nicht, warum mich alle vier Kätzchen auf einmal verlassen haben.

Er geht zur Couch und setzt sich.

Vini

Soll ich dir das Buch mal raufholen?

Marko nickt.

Vini

Ach geht ja nicht, Nadine kommt gleich. Ich habe uns Kuchen gemacht. In fünf Minuten ist alles fertig.

Marko legt sich lang hin und starrt die Ziegel an.

 

 

9. INNEN              KÜCHE              TAG

Als Marko in die Küche kommt, sitzen schon alle am Tisch. Neben Nadine liegt etwas in Papier gewickeltes.

Marko

Hi.

Nadine

Hallo.

Vini entfernt sich, um den Kuchen anzuschneiden. Nadine schiebt das Geschenk zu Marko, als er sitzt.

Marko

Was soll das sein?

Nadine

Ein Neuanfang.

Vini schmunzelt.

Marko

Erwarte aber nicht, dass ich dir jetzt auch was schenke.

Nadine

Tue ich gar nicht.

Marko entfernt das Papier und eine Pflanze kommt zum Vorschein.

Nadine

Kannst du in den Teich pflanzen, wenn du ihn sauber bekommen hast.

Marko

Danke.

Sie wechseln ein kurzes Lächeln.

Vini

So, nun haben wir uns aber ein Stück Kuchen mit Sahne verdient.

Nadine

Für mich nur ein kleines Stück, ich muss noch spielen.

 

 

10. AUSSEN              AM TEICH              TAG

Marko taucht die Pflanze in das Wasser, während aus dem Haus wieder Klaviermusik tönt. Er setzt sich ins Gras und zieht sich die Schuhe aus, als es still um ihn wird.

Auf dem Teich bilden sich Blasen, bis das Wasser anfängt zu brodeln. Vor Marko erhebt sich eine schwarze Gestalt aus dem Gewässer. Wieder ist kein Gesicht zu erkennen, nur zwei blitzende Augen, die Marko anstarren.

Hilflos beobachtet Marko, wie sich der schwarze Schatten auf ihn zu bewegt. Bald ist er aus dem Wasser und steht direkt vor Marko. Langsam kommt seine Hand näher und legt sich um Markos Arm. Der schreit vor Schmerzen auf und sinkt ohnmächtig zusammen.

Am Fenster der Villa erscheinen Vini und Nadine. Aber nur Nadine rennt los und Vini bleibt am Fenster stehen.

 

 

11. AUSSEN              GARTEN              TAG

Nadine springt von der Veranda auf den Weg und durchdringt die Sträucher. Vor Marko, dessen Körper regungslos auf dem Bauch liegt, bleibt sie stehen. Kurz darauf beginnt er zu vibrieren und ein Schluchzen ist zu hören. Nadine kniet sich nieder. Marko wendet sein Gesicht zu ihr. Tränen laufen aus seinen Augen.

Nadine

Weine nicht. Ganz ruhig.

Marko

Du hast ihn ja nicht gesehen.

Nadine

Wen? Was ist geschehen?

Marko

Das will ich selbst wissen. Dafür brauche ich aber deine Hilfe. Alleine schaffe ich das nicht.

Nadine

Ah, du benötigst meine Hilfe.

Marko

Es ist mir verdammt ernst. Ich vertraue dir.

Nadine

Kann ich dir auch trauen?

Marko

Kann ich noch ehrlicher sein, als dir etwas vorzuheulen.

Nadine will ihm mit dem Finger die Tränen aus den Augen wischen, aber Marko schreckt zurück.

Nadine

Was ist?

Marko

Kannst du morgen nach deiner Übungsstunde zu mir kommen? Dann können wir anfangen zu arbeiten.

Nadine

Arbeiten?

Marko

Ich brauche Antworten. Und die Fragen kannst du am besten stellen.

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